Als Linda Zervakis 1975 in Hamburg-Harburg das Licht der Welt erblickte, dachten wohl weder sie noch ihre griechischen Eltern daran, dass Linda 40 Jahre später vor einem Millionen-Publikum sagen würde: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie zur Tagesschau!“

Ralf Huber, er führte das Interview für TANGO, und Linda Zervakis moderierten 2004 und 2005 das NDR-Unterhaltungsprogramm während der Kieler Woche. Die beiden ehemaligen Kollegen trafen sich in einem Hamburger Café zum Gespräch. Nachdem Linda Zervakis sich von Wollmütze, Schal und Winterjacke befreit hat und der erste Milch-Cafe bestellt ist, gleich die erste Frage:

Ist das alles Tarnung oder ist Dir wirklich so kalt?
Nee, auf dem Fahhrrad ist es noch frisch morgens. Tarnen muss ich mich eigentlich nie. Die Hamburger gehen da sehr hanseatisch zurückhaltend mit mir um. Witzigerweise passiert das eher, wenn ich meine, ich bin bis zur Unendlichkeit vermummt. Ich hasse Funktionskleidung, aber wenn Du bei Hamburger Wetter mit den Kindern draußen bist, dann musst Du dich entsprechend anziehen – Gummistiefel, Regenhose, Regenjacke mit Kapuze. Und dann passiert es tatsächlich mal völlig überraschend auf dem Kinderspielplatz: „Ach, sagen Sie mal, sind Sie nicht…!“ (lacht)

Und Deine Mutter? Wird sie auf Dich angesprochen?
Ja, meine Mama ist jetzt bei der Gymnastik. Und da fragen die Frauen schon mal. Sind Sie nicht die Mutter von Linda Zervakis? Sehr süß!

Deine Mutter wird aber auch mächtig stolz auf Dich sein …
Ja, das ist sie auch. Als ich 2010 bei der Tagesschau anfing, hatte ich ja meistens nachts Nachrichten. Meine Mutter hat sich da immer den Wecker gestellt und jede Sendung gesehen. Und am Anfang hatte sie immer Tränen in den Augen.

Naja, das ist kein Wunder. Als Du 14 Jahre alt warst, starb Dein Vater. Und ab dann musstest Du ja auch tatkräftig in Eurem Kiosk mithelfen. Alles nachzulesen in Deinem Buch „Königin der bunten Tüten – Geschichten aus dem Kiosk“.
Ja, das stimmt. Ich habe da ja auch noch lange geholfen. Ich hatte ja schon volontiert, hatte bei einer großen Werbeagentur gearbeitet und machte schon für NJoy Nachrichten, da habe ich immer noch im und für den Kiosk gearbeitet. Mit 28 Jahren war damit erst Schluss.

In Deinem Buch schreibst Du herrliche Geschichten und Anekdoten aus dem Kioskleben. Aber das war doch sicher auch nicht immer einfach?
Mitschüler mussten zuhause nicht mithelfen oder waren wohlhabender. Das habe ich damals gar nicht wahrgenommen oder gemerkt. Der Kiosk, das war unser Leben und die vielen Süßigkeiten als Kind natürlich wunderbar. Meine Brüder und ich durften uns auch immer was nehmen und naschen, soviel wir wollten. (lacht)

Wenn Du heute Nachrichten liest, in denen es um den Zustrom von Flüchtlingen geht, siehst Du da anders darauf mit Deiner Geschichte? Deine Eltern sind ja aus Griechenland nach Deutschland gekommen und heute bist Du eine Tagesschausprecherin mit Migrationshintergrund.
Ja, der Hauptunterschied ist wohl, damals waren die Ausländer, die sogenannten „Gastarbeiter“ gewollt, heute würden diese Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge ausgewiesen werden. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich fühle mich ja nicht in erster Linie als Griechin, sondern als Hamburgerin. Losgelöst von der augenblicklichen Diskussion finde ich grundsätzlich fremde Kulturen total interessant. Und wir profitieren doch alle davon. Früher kannten die Menschen in Deutschland häufig nur Maggi als Gewürz. Mit den Südländern kam nun auch der Knoblauch und andere Gewürze nach Deutschland. Um nur ein Beispiel zu nennen. (lacht)

Wie war das während der Griechenland-Krise? Gab es da auch Zuschauerpost?
Ja, ein paar Zuschauer waren schon dabei, die schimpften, ‘dass jetzt auch noch eine Griechin die Tagesschau liest und von ihnen bezahlt würde’. (lacht)

Wie ist das mit den anderen Tagesschausprecherinnen? Gibt es da großen Zicken-Krieg?
Nein, überhaupt nicht. Judith Rakers ist blond, ich bin brünett. Damit stehen wir schon mal nicht in Konkurrenz. Judith sieht einfach immer fantastisch aus. Die Fotografen am roten Teppich freuen sich deutlich mehr über Judith, als über mich. Und damit kann ich gut leben. Und Susanne Daubner ist einfach nur zauberhaft. Sie erkundigt sich immer nach meinen Kindern und ist total süß zu ihnen.

Ganz gleich, ob der unaussprechliche Name von Bayern-Coach Pep Guardiola, Zwitter statt Twitter oder der falsche Monat bei der Wetterkartenankündigung – die Presse jubelt immer anschließend… Naja, die 20h Tagesschau dauert 15 Minuten. Die sollte man als Sprecher schon fehlerfrei über die Bühne bringen. Mein Hauptproblem war, dass ich den Namen von dem Bayern-Coach nicht herausbekam und ich mir im Abspann fassungslos die Scripte vors Gesicht gehalten habe. Das war dann noch schön in der Totalen zu sehen. (lacht)

Du bist mit einem NDR-Kollegen verheiratet und hast zwei Kinder. Mehr ist über Dein Privatleben nicht bekannt. Warum ist das so?
Ganz einfach: ich stehe in der Öffentlichkeit und nicht meine Familie.

Der „Stern“ schrieb im vergangenen Jahr, Du machst Aussagen, um sie gleich im nächsten Satz zu relativieren oder auch halb zurückzunehmen. Das wäre sehr schade. Man würde sich mehr Klarheit wünschen.
Wenn ich ein Interview gebe, dann bin ich Linda Zervakis. Für die Leser oder Zuschauer bin ich aber immer die Tagesschausprecherin Linda Zervakis. Und da bekommen manche Aussagen natürlich dann eine ganz andere Bedeutung. Ich wurde mal gefragt: Darf eine Tagesschausprecherin lachen? Meine Antwort war: „Natürlich, nur nicht während der Nachrichten“. (lacht)

Du kommst selbst ja aus der Nachrichtensparte, hast Jahre lang für NJoy Nachrichten ausgewählt, geschrieben und vorgetragen. Formulierst Du Deine Tagesschau-Nachrichten selbst oder hast Du Einfluss darauf?
Nein, ein Tagesschausprecher ist ein Sprecher und kein Redakteur. Die Tagesschau-Nachrichten werden von Redakteuren ausgewählt, zusammengestellt und formuliert. Ich kann aber jederzeit zu den Redakteuren gehen, wenn ich Probleme mit einer Formulierung habe.

In der Talkshow „3nach9“ hast Du gesagt, Du seist sehr glücklich nach dem Mutterschutz jetzt wieder Nachrichten machen zu dürfen. Das sei weniger stressig, als Mutter zu sein.
Das habe ich mit einem Augenzwinkern erzählt. Im Sendezentrum in Lokstedt kann ich mir aber tasächlich in Ruhe die Hände waschen ohne dass mir jemand am Hosenbein zerrt oder gerade mal die Pampers gewechselt werden muss.

Wer kümmert sich um Deine Kinder, wenn Du arbeitest?
Entweder mein Mann, wenn er nicht gerade arbeiten muss, oder Oma und Opa, die leben auch in Hamburg und helfen tatkräftig mit.

Du bist Mutter von zwei Kindern, Du sprichst die Tagesschau, Du hast das Buch geschrieben „Königin der bunten Tüten – Geschichten aus dem Kiosk“, machst bundesweit Lesungen und bist gern gesehener Gast in diversen Talkshows und Formaten bis hin zum „Star-Biathlon“..
Bitte keine Frage zum „Star-Biathlon“! Das war unterirdisch…. (lacht)

Wann schläfst Du eigentlich mal?
Das klingt dramatischer, als es ist. Ich arbeite gern und alles macht mir Spaß. Das ist wohl das Wichtigste. Sonst könnte ich das alles auch nicht machen.

(Linda schaut auf ihre Uhr) Musst Du los?
Ja, leider. Ich bin schon überfällig. Ich muss die Kleine abholen. Dann danke ich Dir für das Gespräch und Deine Zeit. Linda steht auf, wirft sich wieder in die Winterjacke, nimmt Schal und Mütze und weg ist sie.

Fotos: Thuy Pham